Den Teppichklopfer im Nacken

Man ist nicht nur Trainer. Das sollte man wissen, bevor man sich dazu entscheidet, einen Laufkurs zu leiten. Die englische Bezeichnung Coach trifft es da schon eher. Ein Trainer ist eben nicht der Drillmaster mit Trillerpfeife in der Hand, er ist Ansprechpartner und Berater in allen Lebenslagen. Ich mag diesen Job. Ich mag es, mit unterschiedlichen Charakteren zusammenzuarbeiten. Mit ruhigen, extrovertierten, schüchternen, lebhaften… – eben mit Menschen wie Du und ich. Und mit Susanne.

Selbstverständlich wahre ich Diskretion, denn Susanne heißt in Wirklichkeit nicht Susanne. Nennen wir sie hier aber mal so. Susanne war nicht gerade schüchtern. Auf den ersten Blick wirkte sie äußerst selbstbewusst, lief immer vorneweg, dass ich Mühe hatte, sie hinten zu halten, damit die Gruppe nicht auseinandergezogen wird. Sie war äußerst leistungsstark – nur wollte sie das einfach nicht wahrhaben. Und so kam es, dass sie eines Tages lautstark protestierte, als ich sie der schnellen Gruppe zugeteilt habe. Schließlich gehörte sie selbst dort noch zu den schnellsten. Die langsameren Läuferinnen wären schlicht nicht mehr mit ihr mitgekommen, und so musste ich handeln. Gefühlt jeden Kilometer redete ich auf sie ein. „Du kannst das“, „Du schaffst das“ waren meine Worte. Alle in der Gruppe glaubten das –  nur Susanne nicht.

Zum Ende des Kurses rückte der Wettkampf immer näher. Susanne hatte die Zwei-Stunden-Zeit locker im Visier. Fehlte das Selbstbewusstsein, dann habe ich sie ein bisschen getriezt und aufgemuntert. Susanne drohte mir daraufhin scherzhaft Schläge mit dem Teppichklopfer an… Nur gut, dass der Trainer dann doch noch  schneller ist als seine Teilnehmer 🙂

Selbstverständlich ist es dazu nie gekommen. Leider auch nicht zu Susannes Halbmarathon-Teilnahme. Am liebsten hätte ich sie persönlich abgeholt und zur Startlinie gebracht. Denn ihr fehlte offensichtlich das Selbstbewusstsein.

Leider habe ich Susanne in diesem Jahr nicht mehr beim Kurs wiedergesehen. Aber ich habe gehört, dass sie sich zu einem Marathon angemeldet hat. Ich hoffe, sie tritt an. Drücken wir ihr die Daumen.

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