Weltmädchentag

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Vorm Training bekam ich das volle Programm. Das Haargummi bitte hinten als Zopf. Nein, nicht das violette, sondern das rote! Es folgten die Haarspangen: eine türkisfarbene vorne, zwei blaue und rosafarbene jeweils an der Seite meines vierjährigen Lockenkopfes. Im Kalender stand, dass heute Weltmädchentag war, und irgendjemand schien meiner Kleinen das gesteckt zu haben. Also genoss sie es in vollen Zügen, mir Anweisungen zu geben.

Das tat sie auch während meiner Trainingseinheit: Sportschuhe und Jacke an – los ging’s. Seitdem sie mich auf dem Fahrrad begleiten konnte, nutzte sie jede Chance, das zu tun. Meine Freunde aus dem Lauftreff hatten es während unseres gemeinsamen Zehn-Kilometer-Laufs ohnehin schon auf den Punkt gebracht: „Entweder Du brauchst einen neuen Kinderwagen, oder aber ein neues Kind“ – ohne zu wissen, dass mein laufender Meter gerade angefangen hatte Fahrrad zu fahren. Aber 14 Kilometer samt An- und Abreise wären für sie schon einem Marathon gleich gekommen. Also musste damals noch einmal der Laufwagen raus. Denn Kurzstrecken mit dem Auto kommen für mich nicht infrage.

Den Laufwagen kann ich wohl jetzt endgültig einmotten. Freudestrahlend schwingt sich meine Begleiterin in den Sattel und saust los, während mich das Ganze an einen Kaltstart erinnert. Der Motor muss laufen, aber er stottert. Gut, dass sie an der etwas größeren Straße freiwillig eine Vollbremsung hinlegt und ich nicht, wie neulich noch bei der Bergabfahrt im Sauerland, nur noch die Kapuze ihrer Jacke in der Hand hatte…

Weiter geht es durch unser Wohngebiet und dann über ebene Feldwege. Heute ist ein guter Tag, um neue Streckenrekorde zu brechen, denke ich. Und weil Weltmädchentag ist, zücke ich meine beiden Joker Spielplatz und Eisdiele. Nicht immer geht es gleich schnell. An leichten Steigungen und auf unebenen Wegen bekomme ich die Anforderung, sie anzuschieben. So laufe ich nach rechts zur Seite geneigt mit schiefem Rücken weiter, um meiner kleinen Prizessin beim quälenden Gegenwind ein wenig Anschubhilfe zu geben.

Als sich die Fahrt- und Laufrichtung ändert, folgen hämisches Grinsen und die Aufforderung, hinter ihr zu bleiben. Kurzzeitig erreiche ich einen Vier-Minuten-Schnitt. Nur gut, dass der Mann da hinten auf dem Aufsitzrasenmäher spannender ist und sie eine Pause einlegt. Fahrtspiel, darunter hatte ich eigentlich etwas anderes verstanden. Es war nämlich ein ständiges Anfahren, Beschleunigen und Bremsen, das mich ganz schön forderte.

Die Zeit verging wie im Fluge. Wir fuhren und liefen wir die gerade lange Strecke zum Spielplatz hinab und machten ein weiteres Wettrennen, dem auf Kilometer 8 ein „Ich sehe was, was Du nicht siehst“ folgte. Die Kleine wollte nicht müde werden. Als sie schließlich das Wort mit den drei Buchstaben hörte, gaben wir beide noch einmal alles. Erdbeer sollte es sein – selbstverständlich in Rosa – denn schließlich war ja Weltmädchentag.

Am Haus angekommen, blickte Papa stolz auf die Uhr. Zehn Kilometer im Siebeneinhalb-Minuten-Schnitt. Mit vier Jahren. Klingt rekordverdächtig, ist es auch. Und das Eis, das ich trug, war auf den letzten Metern nicht einmal geschmolzen.

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